25.01.2017

HEREIN vs. HINAUS

Schulterherein ist in, soviel steht fest. Egal ob vom Boden aus oder geritten, Schulterherein gehört zum guten Ton und wer auch nur ein bisschen was auf sich hält in Sachen Dressurreiten, der versucht sich (und sein Pferd) darin. Dagegen ist an sich auch nichts einzuwenden, aber leider ist das, was man da zu sehen bekommt, selten wirkliches Schulterherein. Und deswegen möchte ich hier und jetzt etwas loswerden, etwas, das mir schon länger am Herzen liegt.

Und zwar: Die Übung heißt nicht ohne Grund Schulterherein. Es soll nämlich die Schulter HEREIN kommen - und nicht die Kruppe raus. Und nein, das ist jetzt keine kleinliche I-Tüpfel-Reiterei. Es gibt einiges, worüber man beim Thema Schulterherein diskutieren kann (zB ob es am besten auf 3 oder 4 Hufschlägen geritten wird - mit dieser Frage, gestellt in der richtigen Runde, kann man durchaus Glaubenskämpfe vom Zaun brechen), aber eines steht mit absoluter Sicherheit fest: wenn die Hinterhand nach außen kommt, ist es KEIN Schulterherein. Zumindest nicht, wenn man die Übung im klassischen Sinn versteht. Ja, die Schulter kommt auch herein, wenn die Hinterhand nach außen schert, aber dann halt nur als sekundärer Nebeneffekt, also quasi als Ergebnis einer Schummelei.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie komplex diese Übung für Pferd und Mensch ist und ich weiß, dass es lange dauert, bis beide genügend Gefühl dafür entwickelt haben und gutes Schulterherein zeigen können. Fehler passieren natürlich auf diesem Weg des Lernens, das ist auch in Ordnung. 
Nicht in Ordnung ist, wenn ein Trainer diesen Fehler nicht erkennt und seinem Schüler Kruppeheraus für Schulterherein verkauft. Weiters nicht in Ordnung ist, wenn sich selbiges dann auch in einem Skriptum/Buch wiederfindet. Und ebenfalls nicht in Ordnung ist, wenn namhafte Reiter/Ausbildner die Übung so vorreiten. Und ja, ich habe diesen Unsinn sowohl gelesen als auch gesehen, letzteres leider viel zu oft.

Insofern, liebe Leute: Nicht alles, was Schulterherein genannt wird, ist es auch. Und egal wieviele Schleifchen ein Reiter schon eingeheimst hat, egal welche Ausbildungen er absolviert hat, egal wie groß der Hype gerade um seine Person ist: wenn er sein Pferd ins Schulterherein führt, indem die Hinterbeine fröhlich nach außen kommen, dann ist das falsch. Punkt. Und auch wenn durch die Adern des Pferdes feinstes Dressurwarmblut-Blut fließt oder es grade frisch aus dem sonnigen Süden importiert wurde: Schulterherein ist nur dann Schulterherein, wenn die Schulter herein kommt. Klar soweit? ;)

Schaut einfach genau hin: das äußere Hinterbein bleibt im korrekten Schulterherein immer in der Spur, egal, ob am Hufschlag oder auf einem mehr oder weniger großen Zirkel irgendwo im Bahninneren geritten wird. Das spürt man übrigens mit etwas Übung auch präzise vom Sattel aus - es ist ein komplett anderes Gefühl, wenn das Pferd nur mit der Schulter herein kommt, als wenn die Hinterhand nach außen pendelt. Letzteres passiert übrigens meistens dann, wenn man zu sehr auf seitwärts fokussiert und das Vorwärts vergisst.

Bei den Fotos (für deren Qualität ich mich übrigens aufrichtig entschuldigen möchte, aber sie haben auch schon ein paar analoge Jahre auf dem Buckel) könnt ihr schon mal mit dem Schauen-Üben anfangen*:



*kein Anspruch auf Perfektion!! (und ja, Bandagen auf einem winterbefellten Isländer schauen seltsam aus)