19.11.2015

Geben und Nehmen

Listi, mein erstes Pferd, ist das, was man gemeinhin als Verlasspferd bezeichnet. Zu seiner absolut coolen Einstellung den Menschen und den "Gefahren", die unsere Welt mit sich bringt, gegenüber kommt noch, dass er immer im Minimum 100% gegeben hat. Egal womit ich ihn konfrontiert habe, Listi war immer dabei und hat alles gegeben. Er ist oft über sich, vor allem über sein körperliches Potential, hinausgewachsen. Und er konnte sich immer sicher sein, dass ich nicht nur große Freude an dem hatte, was wir gemacht haben, sondern dass ich auch unglaublich stolz war auf ihn.

Aber trotzdem, und das ist mir jetzt, beim Verfassen der Texte für diesen Blog, wieder so richtig bewusst geworden, habe ich all die Jahre immer nur genommen. Listi hat gegeben, ich habe freudig genommen. Schaut her, was mein Pferd doch kann, obwohl ihr es ihm nicht zugetraut habt! Unsere Kurve war über Jahre hinweg eine steile nach oben. Nichts schien unmöglich, Turniere, Kurse zu verschiedensten Themen, Auftritte bei regionalen Veranstaltungen, gut aufgehoben mitten im Gewühl eines Georgi-Rittes, bei Gefahrensituationen im Gelände vorneweg, geduldig mit traumatisierten Reitern auf dem Rücken, verlässlich beim Jungpferdetraining, Umzug in unterschiedliche Ställe mit immer neuen Herden, das alles hat er mitgemacht und weggesteckt. Wo ich war, war auch Listi, so hat er mich beispielsweise selbstverständlich begleitet, als ich ein Jahr lang mit meinem damaligen Freund zusammen einen Islandpferdehof geleitet habe. Er hat sich mit neuen Pferden arrangiert und als Chef seiner Herde jeweils Stabilität verliehen. 

Und obwohl mir durchaus bewusst war, dass es etwas besonderes ist, was dieses Pferd für mich leistet, schlich sich doch im Lauf der Jahre eine gewisse Selbstverständlichkeit ein. Klar kann er das, sicher machen wir das. Ob es ihm einmal zu viel sein könnte, der Gedanke kam mir nicht einmal ansatzweise in den Sinn.

Bis wir dann 2004 auf der Apropos Pferd aufgetreten sind. Für mich hat sich damit ein Kindheitstraum erfüllt, für Listi war es wohl das genaue Gegenteil. Wir hatten für unseren Auftritt geplant, alles im UV-Licht zu reiten, Listi sollte der erste sein, der die Halle betritt. Denn Listi ist der Coole, der Nervenstarke, den nichts erschüttert. Dachte ich. Das dunkle Loch (= Halle) mit den undefinierbaren Geräuschen (= Zuschauer und Musik) hat ihm überhaupt nicht behagt, da wollte er nicht hinein. Musste er aber. Und natürlich hat er nach kurzem Widerstand mitgemacht, ist brav die Show gelaufen, nur um am nächsten Abend wieder entsetzt vorm Eingang zu stehen. Vier Tage lang. 

Danach hat sich etwas verändert zwischen uns. Zuerst kaum wahrnehmbar, mit der Zeit aber wurde es immer deutlicher. Ich habe es gespürt, ohne es benennen zu können. Wir waren nicht mehr die Einheit, die wir früher waren, unsere Verbindung hatte einen feinen Riss bekommen. Ich wusste damals nicht, warum, ich spürte nur eine gewisse Müdigkeit von Listis Seite, merkte, dass er sich immer mehr zurückzog. Ich hatte keine Ahnung, was los war und entsprechend konnte ich nichts zur Verbesserung unternehmen. Im Gegenteil, ich machte alles noch schlimmer, als ich auf die Idee kam, ihm eine neue Aufgabe zu geben. Ich dachte, wenn er mal was anderes macht, wenn er mal mit einem anderen Menschen zusammenarbeiten kann, kommt seine Freude wieder. Und so ließ ich einen Freund von mir mit ihm arbeiten, der sich intensiv mit Horsemanship-Training nach Parelli beschäftigte. Auch das machte Listi, selbstverständlich, brav mit und wurde schnell auch noch ein sehr gut ausgebildetes Parelli-Pferd. 

Heute weiß ich, dass ich ihn damals durch mein ständiges Nehmen einfach überfordert habe. Und heute weiß ich auch, dass es gerade die stillen Pferde sind, die erhöhte Aufmerksamkeit brauchen. Gerade die Pferde, die alles mitmachen, müssen von ihrem Menschen auch mal hören: Danke, dass du das auch noch tun würdest, aber das musst du nicht. Wir müssen genau diese Pferde beschützen, wir müssen lernen, sorgsam mit der Liebe dieser besonderen Pferde zu ihrem Menschen umzugehen und wir müssen sie unbedingt schützen vor unserem Ego.
Je mehr ich das verstehe, desto mehr kehrt der Glanz in Listis Augen zurück - Pferde sind erstaunliche Wesen, sie vergeben so viel.

In diesem Sinn: Gebt acht auf eure stillen, verlässlichen, immer einsatzbereiten Pferde! Sie sind ein Geschenk, sie sind Diamanten. Sie geben von sich aus so viel, dass wir Menschen aufpassen müssen, nicht alles von ihnen zu nehmen.