Pferde kann man grundsätzlich auf zwei verschiedene Arten kaufen: mit dem Herzen oder mit dem Verstand. In Njörðurs Fall vor 12 Jahren habe ich dem Verstand den Vorzug gegeben, denn Liebe auf den ersten Blick war es definitiv nicht. Da er aber durchaus meine Kriterien in Sachen Alter, Gangveranlagung, Potential und Ausbildungsstand erfüllte und sein Preis obendrein meinen finanziellen Möglichkeiten entsprach, wurde er mein neuer 4beiniger Gefährte.
Wie viele andere Pferdebesitzer auch, hatte ich den Kopf voller Pläne für unsere gemeinsame Zukunft und genaue Vorstellungen davon, wie ich die von mir für uns definierten Ziele erreichen wollte. Ich hatte über die letzten Jahre hindurch einiges an Erfahrung sammeln können in Sachen Ausbildung von Mensch und Pferd und hatte mir ein, wie ich meinte, brauchbares Konzept für unseren gemeinsamen Trainingsweg zurechtgelegt. Zwar wollte ich angeblich ein Pferd, von und mit dem ich lernen konnte, aber rückblickend betrachtet, war die Rollenverteilung genau umgekehrt: mein Pferd sollte der Schüler sein, mein Meisterstück, mit dem ich mich profilieren und mein Können verfeinern konnte.
Nachdem Njörður bei mir war, begann ich also mit einer Bestandsaufnahme, um unseren Werdegang genau zu planen. Ich wusste in kürzester Zeit, in welchen Bereichen sich mein Pferd wie verändern musste, sowohl unterm Sattel als auch im Umgang vom Boden aus. Ich hatte einen Plan, ein Ziel - und eine Aufgabe: mein Pferd passend zu machen. Aber es wurde nicht passend. Erst ein paar Jahre später ist mir aufgefallen, warum: weil ich ihn nie gefragt habe. Ich habe seinen Körper, sein Können, seine Möglichkeiten beurteilt, aber ich war nicht daran interessiert, IHN kennenzulernen. Ich habe ihn nie gefragt 'Wer bist du'. Ich habe ihn nie danach gefragt, wie ICH sein muss, dass er mit mir zurechtkommen kann. Aber ich wusste, wie ER sein sollte, dass ich Freude an ihm habe.
Eine Beziehung kann aber nur dann wirklich funktionieren, wenn man bereit ist, sich wirklich auf den Anderen einzulassen, wenn man an ihm interessiert ist und nicht nur an den Möglichkeiten, die sich durch und mit ihm eröffnen. Ich glaube, dass wir unseren Pferden gerade am Anfang viel zu wenig Raum geben, sich zum einen mit der für sie neuen Situation des Besitzerwechsels zu arrangieren, und zum anderen uns zu zeigen, wer sie sind und was sie brauchen. Und mittlerweile bin ich der Meinung, dass es mehr die Aufgabe von uns Menschen ist, sich dem Pferd anzupassen als umgekehrt. Wir haben die Chance zu wählen, wir suchen uns aus vielen verschiedenen Pferden das vermeintlich Passende aus; die Pferde jedoch haben keine Wahl, sie müssen Anforderungen und Wünschen entsprechen, die ihre neuen Besitzer auf sie projizieren. Wir könnten es ihnen doch etwas einfacher machen.
