Gestern habe ich begonnen, von Njörðurs Bedürfnis nach Freiheit zu erzählen. Das hatte natürlich nicht nur Auswirkungen im Bereich des Reitens, es hat auch alle übrigen Bereiche nachhaltig beeinflusst, wie zum Beispiel das Longieren.
Begonnen haben wir in dem Fall auch ganz konventionell, und obwohl Ausbinder nie mein Fall waren, war ich durchaus überzeugt von der Sinnhaftigkeit mancher Hilfszügel.
Njörður ist von Haus aus ein Pferd, das den Hals gerne sehr hoch trägt, vor allem bei Stress und Druck, und sich sehr schwer tut, sich fallenzulassen. Dass das alles mit seinem inneren psychischen Gleichgewicht mindestens genausoviel zu tun hat wie mit Balance, Körpergefühl und Motorik, habe ich erst später gesehen. Geholfen haben die "Hilfs"zügel entsprechend wenig. Rückwirkend betrachtet, ist der Fehler im Denken absolut klar: ein Pferd braucht seinen Hals, um sich auszubalancieren, diese Möglichkeit durch Hilfszügel massiv einzuschränken, verbessert weder den Umgang mit dem eigenen Körper, noch bewirkt es ein entspanntes Pferd. Denn ein Pferd, das sich in seiner Bewegung gehandicapt fühlt, steht unter Stress. Bewegungsmöglichkeit bedeutet Leben für ein Tier, das bei Gefahr in erster Linie flüchtet. Und Bewegung bedeutet, dass ein Körper nie eine starre, fixe Form einnehmen und über einen längeren Zeitraum halten kann. Der Körper muss in jeder Phase der Bewegung die Möglichkeit haben, sich zu verändern und anzupassen, auch wenn es sich nur um Nuancen handelt, die von außen vielleicht gar nicht sichtbar sind.
Außerdem gilt für Pferde das gleiche wie für alle anderen Lebewesen: soll etwas nicht nur quasi auswendig gelernt, sondern auch verinnerlicht werden, sind eigene Erfahrungen unumgänglich. Als ich begonnen habe, mit Njörður ohne Hilfszügel zu arbeiten, konnte ich beobachten, wie er seinen Weg ins Vorwärts-Abwärts selbst gefunden hat. Zuerst waren es nur einige winzige Momente, die er in weiterer Folge sukzessive verlängert hat. Er konnte ausprobieren, die neue Form so lange halten, wie es für ihn möglich war, aber auch immer wieder in seine alte Gewohnheit zurückkehren, wenn es ihm zuviel wurde. Auf diese Weise konnte er in seinem Tempo lernen und durch die gemachten Erfahrungen entscheiden, was sich gut anfühlt.Ein weiterer, nicht unwesentlicher Benefit ist, dass sich Njörður der ihm gestellten Aufgaben auf diese Weise wirklich mit Herz und Hirn widmen kann. Denn er muss nicht auch noch gegen von außen aufgezwungene Widerstände arbeiten, die ihm und seinem Körper die Arbeit unnötig erschweren. Er kann seinen Körper bei jedem Schritt neu ausrichten und anpassen und muss nicht fürchten, irgendwo begrenzt oder behindert zu werden. Er behält damit die Kontrolle über die jeweilige Situation, weil es ihm möglich ist, seinen Körper jederzeit durch Veränderung zu schützen. Das wiederum lässt ihn optimistischer an neue Herausforderungen herangehen, was wesentlich zur Gesamtzufriedenheit und Ausgeglichenheit beiträgt.
