Es ist immer schwierig, wenn man an Dingen rüttelt, die allgemein akzeptiert sind und als selbstverständlich betrachtet werden. Das löst meistens Gemurre und Widerstand aus und man macht sich als Verfechter nicht unbedingt Freunde.
"Das gehört so, weil das immer schon so gemacht wurde" hört man in der Pferdewelt praktisch an jeder Ecke. Wir machen Dinge so, wie wir sie gewohnt sind und wie wir sie von anderen übernommen haben, die sie ebenfalls so beigebracht bekommen haben. Manches hat sich so verselbständigt, dass wir überhaupt nicht mehr darüber nachdenken. Ich nehme mich da nicht aus. Früher waren Pferde untrennbar verbunden mit Reiten, Sattel und Zaumzeug waren nicht wegzudenken.Genauso selbstverständlich war das Anbringen von Hufeisen. Das in Frage zu stellen, wäre mir nicht in den Sinn gekommen.
Tatsache ist aber, dass Pferde weder mit Sattel und Zaumzeug, noch mit Eisen auf die Welt kommen, und dass praktisch in jeder zweiten Reitlehre steht, dass Pferde eigentlich gar nicht zum Reiten gemacht sind...
Gott sei Dank gibt es Menschen, die Dinge hinterfragen und nicht alles als selbstverständlich ansehen.
Hiltrud Straßer beispielsweise hat sich mit den Nachteilen des Hufbeschlags beschäftigt und sich vehement dafür eingesetzt, Pferde barfuß gehen zu lassen. Robert Cook ist vermutlich weniger bekannt - er hat sich unter anderem mit den Auswirkungen der Trense im Pferdemaul beschäftigt.
Beiden gemeinsam ist, dass ihre Ideen nicht einfach so aus einer Laune heraus entstanden sind, denn sie sind beide promovierte Tierärzte, die sich durchaus wissenschaftlich der Thematik angenähert und stichhaltige Beweise für ihre Thesen gesammelt haben.
Grundsätzlich lohnt es sich auf jeden Fall, sich einmal ernsthaft die Frage zu stellen, warum wir es eigentlich in Ordnung finden, einem anderen Lebewesen ein Stück Eisen ins Maul zu legen (und ihm selbiges dann vielleicht auch noch ordentlich mit einem Sperrriemen zu verschnüren). Bei Pferden erscheint uns so etwas selbstverständlich, bei jedem anderen Tier würden wir es vermutlich als Zumutung empfinden. (Die gleiche Frage kann man sich übrigens auch zB in Sachen Hufbeschlag oder Reiten stellen. Das geht. Wirklich. Man muss sich nur ein bisschen aus der Komfort-Zone hinausbewegen.)
Was passiert also, wenn wir dem Pferd die Trense ins Maul schieben? Wie reagieren die unzähligen Nerven, die diesen Bereich so sensibel machen? Und wie wirkt sich die von uns gewünschte Kopf-/Halshaltung aus? Ist das Kauen auf der Trense wirklich ein so gutes Zeichen?
Solche und noch viele andere Fragen werden in dem Buch kompetent, aber auch für Laien verständlich erörtert. Die Gebiss-oder-nicht-Gebiss-Frage wird fachlich nüchtern betrachtet und damit auf wissenschaftliches Niveau gehoben, die Argumente sind stichhaltig und lassen sich nicht einfach so vom Tisch wischen.
Dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse, auch wenn sie noch so richtig sind, trotzdem oft nicht gegen althergebrachte Überzeugungen durchsetzen können, ist hinlänglich bekannt. Aber zumindest für diejenigen, die mit ihren Pferden gebisslos unterwegs sind, bietet dieses Buch eine Unterstützung bei so mancher Diskussion und man muss sich immerhin nicht mehr wehrlos in die naives-Pferdemädchen-das-eigentlich-viel-besser-ein-Kuscheltier-kaufen-sollte-Schublade stopfen lassen.
