Es war und ist für mich spannend, sein Fressverhalten auch auf unseren Spaziergängen zu beobachten. Ich bin ein absoluter Laie, was Pflanzen angeht, ich kann nur grob unterscheiden zwischen Gras (alles, was grün ist) und Blumen (das Bunte im Grünen), einzelne Arten zu erkennen, überfordert mich meistens. Seit ich mit Njörður unterwegs bin, hat sich mein Blick allerdings verändert. Die meisten Pflanzen kann ich zwar immer noch nicht benennen, aber zumindest ist mir inzwischen aufgefallen, dass Gras nicht gleich Gras ist und dass Pferde offenbar nicht wahllos alles in sich hineinstopfen, was grün ist. Auch werden von einer Pflanze oder einem Grashalm bei weitem nicht alle Teile gefressen, mal sind es nur die Blätter, dann wieder ausschließlich die Spitzen, und Grashalme, die versehentlich mitsamt Wurzel ausgerupft wurden, werden sowieso generell ausgespuckt. Wenn Njörður die Wahl hat zwischen Selbst-Abzupfen und Von-Mir-Gepflückt-Bekommen, wird er sich immer für ersteres entscheiden. Das hängt vermutlich zu einem guten Teil auch damit zusammen, dass wir offenbar unterschiedliche Ansichten zum Thema "leckeres Futter" haben. Gras, das für mich richtig gut aussieht, würdigt er oft keines Blickes und knabbert lieber das unspektakuläre Zeug daneben. Ein Kapitel für sich stellt Waldgras dar: da ist er absolut wählerisch bzw verschmäht er es oft ganz.
Überhaupt hat er so eine Vorlieben: absolute Nummer eins ist Klee in den unterschiedlichsten Varianten. Klee geht immer. Löwenzahn ist vor allem im Frühjahr sehr beliebt, und im Sommer zupft er gerne die reifen Rispen der Gräser und freut sich beispielsweise über Getreidehalme, die sich an den Feldrain verirrt haben. Finden wir auf unseren Spaziergängen Hagebutten-Sträucher, kann es durchaus vorkommen, dass er sich ein paar davon abzupft. Eine grundlegende Schwäche hat er auch für Brombeeren, aber in dem Fall lässt er sich gerne von mir bedienen und ich darf sie ihm brocken und mundgerecht servieren. Gelegentlich nascht er auch frische Distelblüten, und zupft sich auch ab und zu mal eine Schlehe vom Busch. Großartig findet er frische Maiskolben und wenn ich nicht wirklich aufpasse, kann es passieren, dass er zum Dieb wird und einen vom Feldrand stiehlt.Vor ein paar Jahren war er ganz gierig auf die frischen grünen saftigen Kletten-Triebe. Ich habe weder vorher noch nachher ihn oder ein anderes Pferd Kletten fressen gesehen, aber ein Blick ins Kräuterbuch half: Kletten sind gut für die Blutreinigung. Njörður hat sie in dem Jahr gefressen, in dem er sehr viele chemische Medikamente bekommen hat.
Etwas skeptisch war ich, als er einmal auf einem unserer Streifzüge durch den Wald einen Pilz gefressen hat. Ich habe absolut nicht damit gerechnet und er war so schnell, dass mir nichts anderes übrig blieb, als dem Verschwinden des Pilzes in seinem Mäulchen zuzusehen und mich zu fragen, ob er wohl weiß, was er tut. Offenbar wusste er es, denn er hat den Pilz unbeschadet überstanden. Um welche Art es sich gehandelt hat, weiß ich bis heute nicht. Interessant fand ich die Sache aber schon und so habe ich ihm bei nächster Gelegenheit einen vermeintlich leckeren Pilz gezeigt. Gefressen hat er ihn nicht, es war wohl nicht der richtige. Dieser eine Pilz blieb bis jetzt auch die große Ausnahme, er hat danach nie wieder einen gefressen. Trotzdem bin ich spätestens seit diesem Vorfall völlig sicher, dass er genau weiß, was er fressen darf und was nicht. Ich beobachte ja immer wieder Pferdebesitzer, die bei jedem Grashalm, den ihr Pferd im Gelände rupft, besorgt sind, ob der wohl wirklich genießbar ist für ihr Tier. Ich denke, dass Pferde gute Instinkte haben und genau wissen, was sie fressen dürfen und was nicht.
So profan und simpel die Sache mit dem Fressen vielleicht auch sein mag, mir hat sie wieder einen Teil der Welt der Pferde nähergebracht und für Njörður bedeutet es doch auch ein kleines Stück Freiheit, wenn er sich sein Futter zumindest während unserer Spaziergänge ein bisschen selbst suchen darf.


